Die Welt mit -3,75 Dioptrien

Wie sieht eigentlich die Welt mit -3,75 Dioptrien aus? Was kann ich sehen? Wie nah muss ich an Gegenstände herantreten, um sie erkennen zu können? Ein kleiner Einblick in mein Erleben, wenn die Brille mal liegen bleibt.

Regelmäßig gehe ich für kurze Zeit ohne Brille nach draußen, um die Welt so wahrzunehmen, wie sie im Moment für mich ist. Meistens morgens nach dem Aufstehen. Dann wenn der Tag noch frisch und die Welt etwas ruhiger und überschaubarer ist, wage ich mich nach draußen und drehe eine kleine Runde.

Ich nehme die Verschwommenheit in mich auf und genieße es, mich für eine Weile in sie zurückziehen zu können. Auf eine gewisse Art und Weise bietet mir das Gelegenheit, mich auf mich selbst und auf die Dinge, wie sie im Moment sind, zurückzubesinnen.

Dioptrien

Der Welt direkt vor mir

Anstatt mich zu ärgern, dass die Welt so unscharf, verschwommen und verunsichernd ist, versuche ich bewusst zu prüfen, was ich denn eigentlich schon sehen kann. Was erkenne ich, wenn ich direkt davor stehe?

  • Ich erkenne das Nummernschild des Autos vor mir.
  • Ich sehe, welche Hausnummer das Haus hat.
  • Ich kann erkennen, ob mein Gegenüber lacht oder traurig ist.
  • Ich erkenne offensichtliche Mimik in Gesichtern.
  • Ich kann in einem Buch lesen, wenn ich es nah an mein Gesicht halte.
  • Ich erkenne beim Essen, was auf meiner Gabel liegt.

Die Welt auf der anderen Straßenseite

Ich prüfe auch, was auf der anderen Straßenseite (schmale Straße) vor sich geht. Auch wenn dort schon alles in Verschwommenheit gehüllt ist, kann ich doch einiges erkennen.

  • Ich erkenne, ob die Person auf der anderen Straßenseite ein Mann oder eine Frau ist.
  • Ich kann einen Raben von einer schwarzen Katze unterscheiden.
  • Ich kann erkennen, was auf dem Tempobegrenzungsschild steht.
  • Ich sehe, welche Buslinie an mir vorbeifährt.

Die Welt weiter weg

Auch weiter weg, vielleicht einige 10 Meter, kann ich schon jede menge Dinge erkennen und unterscheiden.

  • Ich erkenne, ob ein Auto auf der Straße fährt und ob ich gefahrlos die Straßenseite wechseln kann.
  • Ich sehe, ob mir der entgegenkommende Fahrradfahrer ausweicht, oder nicht.
  • Ich kann eine Parkbank von einem Auto unterscheiden.
  • Ich sehe, ob mir jemand das Gesicht oder den Rücken zugewendet hat.

Ohne Verzerrung die Welt anschauen

Das klingt für einen Normalsichtigen wahrscheinlich nicht nach viel, ich weiß es nicht. Für mich ist das ein unglaublicher Fortschritt. Ich traue mich hinaus, auch wenn ich voll auf mich allein gestellt bin. Ich lasse meine Brille bewusst zuhause liegen und versuche mich auf das einzulassen, was ich selbst sehen kann. Ganz ohne die Möglichkeit, mich auf meine Brille zurückberufen zu können.

Sicher macht es mir an manchen Tagen Angst, aber es ist auch schön, die Welt unverzerrt und ohne Rahmen im Blickfeld in mich hineinzulassen. Einige wenige Augenblicke nicht durch meine Brille von der Welt abgschnitten zu sein. Irgendwie einfach mehr von der Welt in mich hineinzulassen und zu spüren.

Ich freue mich, dass ich ohne Brille hinaus kann. Selbst wenn es bisher nur auf mir bekannten Wegen rund um meine Wohnung ist. Trotzdem gibt es mir das Gefühl, wieder unabhängiger und freier leben zu können.

Dioptrien

Wie sieht deine Welt aus?

Mich interessiert, wie die Welt für dich aussieht? Egal, ob du kurzsichtig oder normalsichtig bist. Wie nimmst du die Welt um dich herum wahr? Ich freue mich, deine Kommentare zu lesen.

4 Kommentare

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  1. Lieber Boris,

    danke für diesen Beitrag.

    Ich finde es auch wichtig, dass man den Fokus darauf legt, was man bereits alles sehen kann und nicht darauf, was man nicht sehen kann.

    Ich hatte ja bis September 2016 die Stärke -7,00 und cyl -1,25 und habe Kontaktlinsen und Brille immer getragen.

    Jetzt genieße ich es immer mehr die Brille abzusetzen und ohne Hilfsmittel die Welt zu betrachten.

    Oft spüre ich dann richtige Glücksgefühle.

    Ich merke auch schon wie ich viele Dinge einfach schärfer wahrnehme und dass ich mich in einigen Situationen ohne Brille viel wohler fühle.

    Früher wäre ich mir total hilflos vorgekommen. Heutzutage genieße ich die Verschwommenheit, wenn ich kann.

    Besonders beeindruckt bin ich häufig, wenn ich mich mit Leuten unterhalte und ich kann ihre Augenfarbe erkennen und erkennen, wann sie blinzeln. Das ist so ein schönes Gefühl.

    Ich lasse die Welt oft weiter werden und nehme das Gesamtbild wahr und lasse es in mich einsinken.

    Dadurch sehe ich manchmal schärfer und manchmal weniger scharf. Ich nehme das wahr und versuche es nicht zu bewerten.

    Manchmal habe ich sehr klare Momente und gestern konnte ich z.B. die kleine Schrift im Bus erkennen, die die Haltestelle auf dem Display anzeigt. Da war ich sehr erstaunt. Abe ich mache mir keinen Stress mehr (zumindest versuche ich es), dass ich bestimmte Sachen schärfer sehen muss.

    Liebe Grüße

    Nina

    • Weltklasse Nina!

      Super gut, dass du dich an Dingen erfreuen kannst, die ein Normalsichtiger vermutlich nie als etwas auffassen würde, woran man sich überhaupt erfreuen könnte.

      Das mit der Augenfarbe bzw. dem Blinzeln finde ich schön. Ich kenne das auch. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte (und mal keine Brille aufhabe) und dann das Gesicht und die Mimik viel besser erkennen kann. Es fühlt sich einfach viel viel echter an, auch wenn es dann doch noch unschärfer ist, als mit Brille.

      Schön, dass du deine Erfahrungen teilst 🙂

      Viele Grüße
      Boris

  2. Danke für diese tolle Seite Boris!
    Ich genieße es, wann immer möglich meine Brille abzusetzen. Es fühlt sich für mich befreiend an. Hinderlich ist für mich, wenn ich an bekannten Gesichtern vorbeilaufe und diese dann einen Gruß von mir vermissen.

    • Hey Bonnie,

      gern geschehen!

      Befreiend trifft es ganz gut. Das mit den bekannten Gesichtern kenne ich auch. Vor allem weil ich doch auch hin und wieder mit Kontaklinsen unterwegs war/bin und man nicht sofort erkennt, dass ich gerade meine Brille nicht aufhabe.

      Andererseits habe ich so versehentlich auch schon einige Leute auf der Straße gegrüßt, die ich gar nicht kannte 😀

      Viele Grüße
      Boris

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