Gene vs. Umwelt – Ist Kurzsichtigkeit genetisch bedingt?

Ich persönlich wurde von meinem Augenarzt mit der Begründung “Kurzsichtigkeit ist genetisch, da kann man nichts machen.” abgespeist. Allerdings ist die aktuelle Forschung da anderer Meinung. Einen viel größeren Einfluss auf die Entstehung von Kurzsichtigkeit haben nämlich die Umstände, in denen wir leben. Woher man das weiß, zeige ich hier.

Nerd Alarm: Das ist optionale Hintergrundinfo und wird keinesfalls benötigt, um seinen Augen etwas Gutes tun zu können.

Größenabstimmung des Auges

Wenn man bedenkt, dass die Änderung der Augenlänge um die Dicke einer Wimper (200µm) bereits eine Kurzsichtigkeit von etwa 0,5 dpt bedeutet1, dann wäre es ziemlich ungünstig, wenn der Körper sich bei der Regulierung der Länge des Augapfels ausschließlich auf die Gene verlassen würde. Außerdem ist gut untersucht, dass das Auge im Wachstum seine Größe anhand der Seheindrücke regelt.

Was spricht gegen ausschließlich genetische Ursachen?

Das für mich auschlaggebendste Argument ist folgendes:

Die menschlichen Gene ändern sich langsam.

Die Verbreitung von Kurzsichtigkeit ändert sich dagegen sehr schnell. Vor allem die Veränderungen in Ost-Asien (insbesondere Singapur und Taiwan) sind gut dokumentiert.2 Wären die Ursachen der Kurzsichtigkeit vor allem genetisch, würde es keine so rasante Zunahme der Fälle an Kurzsichtigkeit geben. Die Gene ändern sich schlichtweg nicht schnell genug, um das erklären zu können.

Entwicklung von Kurzsichtigkeit in Singapur

Anhand von Daten von Augenärzten und Optikern von über 100.000 Jungen und Männern (im Alter zwischen 15 und 25) in Singapur3 wurde untersucht, ob es Unterschiede in dem Vorkommen von Kurzsichtigkeit, je nach Ursprungsland der Personen gibt. Dabei wurden die Daten unter anderem nach dem Ausbildungsgrad kategorisiert.

Man stellte tatsächlich fest, dass es Unterschiede gibt, je nachdem, woher die Personen stammten. So kommt Kurzsichtigkeit bei Personen chinesischen Ursprung tatsächlich häufiger vor, als bei Menschen aus Indien.
Allerdings spielte der Bildungsgrad der untersuchten Personen ebenfalls eine große Rolle4, weshalb es geteilte Meinungen gibt, ob man aus der Studie schließen kann, dass die Herkunft eine entscheidende Rolle spielt.5

Kurzsichtigkeit genetisch

Gegen ausschließlich genetische Ursachen spricht zum Beispiel, dass Personen malayischen und indischen Ursprungs in Singapur viel häufiger Kurzsichtig sind, als Personen malayischen und indischen Ursprungs in anderen Ländern.6 Die Gene scheinen also Einfluss zu nehmen, sind aber nicht die einzige Erklärung.

Was spricht für Umweltfaktoren?

Eine größere Rolle bei der Entwicklung von Kurzsischtigkeit scheint die Umwelt zu spielen. Dazu hat man in diversen Studien unter anderem Folgendes gefunden:

  1. Personen mit Universitätsabschluss sind häufiger kurzsichtig (30%) als Arbeiter (3%).7
  2. Junge Erwachsene entwickeln häufig Kurzsichtigkeit im Verlauf ihres Studiums.8
  3. Kulturen die größtenteils draußen leben, entwickeln seltener Kurzsichtigkeit.9

Kurzsichtigkeit Umwelt

Und eine weitere spannende Untersuchung. Als man bei den Inuit und in indianischen Siedlungen die westlichen Bildungssysteme einführte, erhöhte sich das Vorkommen von Kurzsichtigkeit innerhalb von nur einer Generation um das 4(!)-fache.10 Das spricht meiner Meinung nach eindeutig gegen eine rein genetische Erklärung. Umwelteinflüsse spielen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Kurzsichtigkeit.

Gene vs. Umwelt

Der Einfluss der Gene ist zwar nicht von der Hand zu weisen, dennoch hat die Umwelt einen deutlich höheren Einfluss. Zusammen erklären die genetischen Ursachen eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit Kurzsichtigkeit zu entwickeln um den Faktor 7. Ein höherer Ausbildungsstatus dagegen um den Faktor 50(!).11

Die Genetik steuert die Empfindlichkeit, mit der das Auge auf eine Seherfahrung reagiert.12

Das heißt, dass unsere Gene lediglich bestimmen, ob wir anfälliger dafür sind, Kurzsichtigkeit zu entwickeln. Das bedeutet nicht, dass unsere Gene festlegen, ob wir überhaupt kurzsichtig werden. Ob wir kurzsichtig werden, bestimmt zum Großteil, in welcher Umwelt wir leben und wie wir unsere Augen benutzen.

Hühner, die nicht kurzsichtig werden können

Das ganze bestätigt eine Untersuchung an Hühnern.13 Bei dieser wurde bei Hühnern mit Mattgläsern Kurzsichtigkeit induziert. Diejenigen Hühner, die besonders kurzsichtig und diejenigen, die kaum kurzsichtig geworden sind, wurden weitergezüchtet. Nach nur zwei Generationen hatte man bereits zum einen Hühner, die extrem kurzsichtig wurden, wenn man ihnen Mattgläser vor die Augen setzte und zum anderen Hühner, in denen kaum noch Kurzsichtigkeit induziert werden konnte.
Die Hühner entwickelten diese Kurzsichtigkeit jedoch nicht von selbst. Nur wenn man ihnen Mattgläser vor die Augen setzte, entstand überhaupt eine Kurzsichtigkeit.

Kurzsichtigkeit genetisch

Spannend oder? Hast du Fragen oder Anmerkungen, dann lass es mich wissen. Ich höre gerne, was du davon hältst.

  1. Schaeffel. Myopieforschung – was wissen wir heute? 29. Fielmann Akademie Kolloquium (2015)
  2. Morgan, Megaw. Using Natural STOP Growth Signals to Prevent Excessive Axial Elongation and the Development of Myopia. Annals-Academy Of Medicine (2004)
  3. Au Eong et al. Race, culture and Myopia in 110,236 young Singaporean males.. Singapore Med J (1993)
  4. Wu et al. Does Education Explain Ethnic Differences in Myopia Prevalence? A Population-Based Study of Young Adult Males in Singapore. Optometry & Vision Science (2001)
  5. Morgan, Megaw. Using Natural STOP Growth Signals to Prevent Excessive Axial Elongation and the Development of Myopia. Annals-Academy Of Medicine (2004)
  6. Morgan, Megaw. Using Natural STOP Growth Signals to Prevent Excessive Axial Elongation and the Development of Myopia. Annals-Academy Of Medicine (2004)
  7. Sperduto et al. Prevalence of Myopia in the United States. Arch Ophthalmol. (1983)
  8. Kinge et al. The influence of near-work on development of myopia among university students. A three-year longitudinal study among engineering students in Norway. Acta Ophthalmologica Scandinavica (2000)
  9. Wallman, Winawer. Homeostasis of Eye Growth and the Question of Myopia. Neuron (2004)
  10. Wallman, Winawer. Homeostasis of Eye Growth and the Question of Myopia. Neuron (2004)
  11. Schaeffel. Myopieforschung – was wissen wir heute? 29. Fielmann Akademie Kolloquium (2015)
  12. Schaeffel. Myopieforschung – was wissen wir heute? 29. Fielmann Akademie Kolloquium (2015)
  13. Schaeffel. Myopieforschung – was wissen wir heute? 29. Fielmann Akademie Kolloquium (2015)

5 Kommentare

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  1. Ich habe vor vielen Jahren einen Film gesehen, der von einer Firma für optisches Glas hergestellt wurde. Im ersten Teil pries man die großartige Leistung der Natur, die mit äußerster Präzision ein solch fein abgestimmtes, kompliziertes und leistungsfähiges Meisterwerk wie das Auge herstellen kann, das seinesgleichen sucht. Dann hieß es plötzlich, daß manche Augen zu lang oder zu kurz werden und dadurch ein verschwommenes Bild entsteht. Aber, es gibt ja zum Glück diese fantastischen optischen Gläser, mit denen wir der Natur auf die Sprünge helfen können. Da wurde mir plötzlich klar, daß da was nicht stimmen kann. Die Natur, die ein solch hochkomplexes Präzisionsinstrument zustande bringt, bringt es nicht fertig, die Achslänge der Brechkraft anzupassen? Und das, obwohl das kurzsichtige Auge ja vorher normalsichtig, d.h. bereits perfekt justiert war! Und das soll genetisch bedingt sein? Das ist völlig unglaubwürdig! Da spricht die Logik doch viel eher für eine zivilisatorisch bedingte falsche Benutzung dieses Präzisionsinstrumentes.

    • Ich finde, das hast du messerscharf analysiert!
      Ich denke mir auch immer: “Millionen Jahre an menschlicher Evolution – und dann soll das Auge nicht mal scharf sehen können?!”
      Ich würde es auch eine “Zivilisationskrankheit” nennen.

    • Hey zusammen,

      sehe ich ganz genau so. Je länger man über die Argumente nachdenkt, dass die Länge des Auges ausschließlich genetisch reguliert wird, desto abwegiger erscheinen sie.

      Für die These, dass Kurzsichtigkeit eine “Zivilisationskrankheit” ist, spricht ja auch, dass Kurzsichtigkeit vermehrt in Ländern mit “westlichen Bildungssystemen” vorkommt.

      Beste Grüße
      Boris

  2. Vor kurzem hab ich in einer SWR-Sendung namens “betrifft: …” gesehen, dass in Südkorea 90 % der Menschen kurzsichtig sind.

    Auch das hier sind sehr interessante Artikel:
    http://www1.wdr.de/verbraucher/gesundheit/smartphone-macht-kurzsichtig-100.html
    https://www.welt.de/gesundheit/article146081080/Smartphone-Co-lassen-Kurzsichtigkeit-explodieren.html

    Jetzt ist es quasi “offiziell”.

    • Hey Tobias,

      nett (besonders der vom WDR)! Schön, dass die Rolle von Naharbeit so schön herausgestellt wurde.

      Die arme Tatjana beschreibt im Video leider einfach, dass ihr Ziliarmuskel verkrampft ist. Brille drauf, zack, eine Kurzsichtige mehr auf dem Planeten.

      Leider wird auch dort immer noch die Brille als einzige Möglichkeit, damit umzugehen, vorgeschlagen. Aber immerhin wird der Einfluss der Naharbeit auf Kurzsichtigkeit schonmal gut kommuniziert.

      Viele Grüße
      Boris

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